Der saubere Spiegel

Ein Neugeborenes kommt als unbeschriebenes Blatt zur Welt. Außer den in seine Gene eingeschriebenen Informationen, ist sein Geist frisch, leer und klar.
Sein Geist kann noch nicht auf Erfahrungen zurückgreifen, die ihm ein „Erkennen“ ermöglichen. Erkennen wird erst durch Verknüpfung mit Erfahrungen möglich.

Ein Neugeborenes wird im Gesicht seiner Mutter kein Gesicht erkennen. Es wird etwas erkennen ohne es zuordnen zu können.

Im Laufe der Zeit entsteht die Welt vor den Augen des Kindes, indem sein Gehirn Verknüpfungen zu den Dingen erzeugt, die es wahrnimmt.

Je älter der Mensch wird, desto komplexer wird seine Welt.

Durch die Funktion des Gehirns, den Fokus der Wahrnehmung auf das zu legen, was bereits bekannt ist, werden Eindrücke immer mehr gefiltert.

Einem Neugeborenen steht das ganze Spektrum der Wahrnehmung zur Verfügung. Nichts wird gefiltert. Deshalb reagieren Kinder noch sehr sensibel auf subtile Stimmungen.
Allerdings kann es die meisten dieser Eindrücke noch nicht bewusst wahrnehmen und verarbeiten.

Im Laufe der Entwicklung dreht sich das Verhältnis um. Wir entwickeln die Fähigkeit, bewusst wahrzunehmen, aber das Spektrum der Wahrnehmung wird immer enger eingegrenzt.

Wir lernen, uns in der Hauptsache auf unsere Sinne zu verlassen und definieren unsere Welt über das, was wir sehen, hören, riechen, tasten und schmecken können. Alles Andere außerhalb der Wahrnehmung durch die Sinne erscheint dann für uns als nicht vorhanden.

Unsere Welt wird zwar komplexer und spezialisierter, aber es fehlt ihr gleichzeitig auch an der Wahrnehmung dessen, was sich außerhalb der sinnlichen Wahrnehmung befindet.

Der innere Spiegel, unser Bewusstsein, wird im Laufe des Lebens blind. Es bilden sich Schichten darauf, die uns das Bild dessen zeigen, was wir erfahren und gelernt haben.

Wenn wir eine Blume sehen, verknüpfen wir mit ihr gewöhnlich das, was wir über die Blume wissen.
Wenn wir einen Menschen sehen, verknüpfen wir mit ihm das, was wir über ihn bereits wissen.
Ob Blume, Mensch oder alle anderen Erscheinungen auf dieser Welt, wir sehen sie nicht „wirklich“, sondern nur das, was in uns mit bereits vorhandenem Wissen und Erfahrungen verbunden ist.

Daraus entstehen viele Ängste, Vorurteile und Begrenzungen.

Es ist ein guter Weg, sich zunächst dieser Ängste, Vorurteile und Begrenzungen bewusst zu werden.

Es ist konsequent, sich des Automatismus‘ bewusst zu werden, der für uns die Dinge mit Bekanntem verbindet.

Es ist heilsam, immer wieder diese Bewusstheit zu üben.

Eine Übung:

  • Konzentriere dich auf deine Körpermitte
  • Spüre die Stille, die dort herrscht
  • Stelle dir vor, du befindest dich dort in diesem stillen Raum
  • Beobachte von dort, was deine Gedanken tun
  • Beobachte von dort, was dein Körper tut
  • Beobachte von dort, was deine Gefühle tun
  • Beobachte alles von diesem stillen Raum aus in dir
  • Du wirst im Laufe der Zeit eine neue Welt vorfinden.

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