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Unterschied zwischen Emotion und Gefühl

Vor einiger Zeit hatte ich hier schon einmal etwas zu diesem Thema geschrieben.
Mittlerweile hat sich für mich für die beiden Begriffe, Emotion und Gefühl, eine etwas differenziertere Definition ergeben!

Demnach ist ein Gefühl ein im Körper empfundener Gedanke. Ein Gefühl geht also auf einen Gedanken zurück, der nicht (oder noch nicht) intellektuell erfasst wurde, sondern sich auf der Körperebene als Empfindung zeigt.

Der Psychologe Eugen T. Gendlin prägte dazu den Begriff Felt Sense:
Ein Felt Sense ist die körperliche Wahrnehmung eines bestimmten Problems oder einer bestimmten Situation.
Ein Felt Sense ist keine Emotion. Wir kennen Emotionen. Wir wissen, wann wir wütend, traurig oder fröhlich sind.
Einen Felt Sense erkennen Sie nicht sofort, er ist vage und unklar. Er ist die körperlich gespürte Bedeutung eines Problems oder Themas.
(Eugen T. Gendlin, Focusing)

Ein Gefühl ist zunächst einmal frei von Wertung, da der urteilende Intellekt nicht beteiligt ist.
Erst wenn Urteil und Wertung durch meinen Intellekt hinzukommen, entsteht daraus eine Emotion. Ein Gefühl, das als angenehm oder unangenehm empfunden wird, ist eine Emotion. Die Reaktion auf ein Gefühl macht es zur Emotion. So ergeben sich für Emotionen auch Etikettierungen, die es für ein Gefühl noch nicht gibt: Wut, Zorn, Neid, Angst, Begierde, Scham, Trauer, usw.

Oft ist der Übergang von Gefühl zu Emotion fließend und unbewusst, da sich der Intellekt sehr rasch mit dem aufkommenden Gefühl befasst.

Bin ich sehr achtsam gegenüber mir selbst, wie das während meditativer Übung geschehen kann, ist es mir möglich, ein aufkommendes Gefühl zu erspüren und wertfrei anzunehmen, ohne dass es sich in eine nach außen gerichtete Emotion verwandelt.

Emotion und Gefühl…

Lange Zeit war ich der Ansicht, dass Emotion und Gefühl das Selbe seien.  Ich denke, es gibt da einen gravierenden Unterschied.

Behauptung
Es existieren nur zwei Emotionen:  Liebe und Angst.

Je nachdem, von welcher Emotion meine Gedanken gefärbt sind, entsteht daraus ein entsprechendes Gefühl.

Sind meine Gedanken von Liebe gefärbt, entsteht ein schönes, angenehmes Gefühl, das eher als „wahr“ bezeichnet werden kann.

Sind meine Gedanken von Angst gefärbt, entsteht ein unschönes, unangenehmes Gefühl, das eher als „unwahr“ bezeichnet werden kann.

Alte Strukturen

Alte Strukturen zerbrechen physisch von außen nach innen. Spirituell verwandeln sie sich von innen nach außen.

Stille

Innere und äußere Stille gehört zum absolut Wichtigsten im Leben!
Nur dann kann ich die nahezu lautlosen Gedanken hören, die es in mir denkt. Sie sind heute die Samen für das, was ich morgen sein werde!

Die kopflose himmlische Liebe

Versucht man, sich die Reinform von Liebe vorzustellen, erinnert man sich vielleicht an Begebenheiten und Szenarien, bei denen sie im Spiel war. Sie selbst, in ihrer Reinform, hat kein eindeutiges Gesicht, keine Form und ist keiner bestimmten Persönlichkeitsstruktur zuzuordnen.
Insofern könnte die Liebe die Gattin Gottes sein, der ebenso im Unsichtbaren agiert und seine Kreationen lediglich als Spur seiner Existenz hinterlässt.

Was die Liebe angeht, so ist es erstaunlich, dass sie selbst denjenigen gewogen ist und diese unterstützt und pflegt, die menschlicher Beurteilung nach Schlechtes und Liebloses tun.

Ist sie von den Wesen auf dieser Erde so verschieden, dass sie sich für menschliches Empfinden so widersprüchlich verhält?

Ganz ohne Zweifel ist die Liebe sehr intelligent. Sie weiß, dass es nichts Böses gibt, sondern dass es nur Verirrungen sind, die geschehen können, wenn sie selbst – die Liebe – aus dem Blickfeld geraten ist.

Die Liebe weiß, dass sogenanntes Böses nur von ängstlichem Denken erdacht und von diesem Denken in eine Form gebracht und als wahr angenommen wird.
Insofern scheint düsteres Licht auf menschliches Denken, das offenbar alles das zu erzeugen imstande ist, was die Liebe nicht ist.

Es scheint, dass Denken anfällig dafür ist, das Gegenteil von Liebe zu erzeugen.
Als Gegenteil der Liebe bezeichnet man die Angst, die, ebenfalls wie die Liebe, selbst kein Gesicht besitzt. Sie zeigt sich in ihren Manifestationen wie der Gier, der Gleichgültigkeit, dem Misstrauen, der Trennung, der Ablehnung, der Anklage und der Verurteilung.

Weiter betrachtet, scheint menschliches Denken überhaupt erst die Voraussetzung für die Existenz und das Erkennen von unvereinbaren Gegensätzen zu sein, die sich im Augenblick der Liebe aber wieder zur Einheit vereinen, als seien sie nie getrennt gewesen.

Blendet Liebe das Unvereinbare und das Böse aus? Ist sie kopflos und naiv?
Oder ist sie die verborgene himmlische Wahrheit im Schatten der Dämonen menschlicher Gedanken?

Menschliches Denken kann nicht anders, als sich in Gegensätzen zu verlieren, denn es ist ein Werkzeug in der unvermeidlich gegensätzlichen Welt der Materie, die als eine Facette von vielen des Daseins im angstvollen Kampf mit der Vergänglichkeit und um Überleben verstrickt ist.

Was ist die Alchemie der Liebe, die es versteht, Gegensätze zu einem Ganzen zu vereinen?
Wo ist ihre himmlisch vereinte Welt, während sich die menschliche Welt in Gegensätzen und Trennungen verliert?

Die Buddhas der Menschheitsgeschichte hatten die Alchemie der Liebe verstanden und sie hatten erkannt, dass die menschliche Welt der Gegensätze lediglich der Schein einer vom Denken projizierten Betrachtungsweise ist, auf die sich Menschen in kollektivem Irrtum als Wahrheit verständigten.

Ist die Welt der Liebe die eigentliche Wahrheit, die hinter einer Maske der Täuschungen und Irrtümer verborgen ist? Sind Vergebung, bedingungsloses Annehmen, sorgsame Pflege, Geben ohne Erwartung, Mitgefühl, Verständnis, Ausgleich, die Erkenntnis des Einsseins, das Sein im Jetzt, das Nähren innerer und äußerer Schönheit – die in tiefstem inneren und äußeren Frieden Ausdruck finden – das eigentliche Muster der Wirklichkeit?

Ist die menschliche Welt des Kampfes, der Rache, der Missgunst, das Hadern mit Vergangenem und die Sorge um das Zukünftige ein über die Jahrtausende zu Stein gewordenes Trugbild?

Was hält den Denker davon ab, seine Betrachtungsweise zu verändern?
Es ist die Angst vor der Vergänglichkeit, vor Verlust und vor Niederlage, die den menschlichen Urvätern um des Überlebens einer fragilen Art Willen eingepflanzt wurde und die sich bis zum heutigen Tag unbeachtet über die Generationen im Denken erhalten hat.

Angst und Denken sind Teile, die sich gegenseitig suchen und voneinander abhängig sind. Beides sind sie Teile, denen das Festhalten gemein ist.
Ein Attribut der Liebe ist das Loslassen, das aber nur geschehen kann, wenn die angstbesetzten, unterbewussten Muster menschlichen Denkens die Oberhand verlieren.

„Das Universum fährt Rad…“

…oder: das Universum geht zu Fuß.
Oder: Das Universum wischt den Boden.
Oder: Das Universum atmet.

Es gäbe endlos viele, ähnliche Beispiele.

Zen-Meister haben solche Beispiele angeführt, aber ich hatte sie nie „verstanden“. Sie waren zu lapidar, zu wenig kompliziert, um eine verborgene Weisheit zu beinhalten.

Wenn sich im Alltag Gelegenheiten bieten, mit einem alltäglichen, vertrauten Tun Meditation einzuladen, kann es immer öfter passieren, dass der Körper mit all seinen Funktionen und Helfern die ganze Arbeit für mich übernimmt und ein unbeteiligter Beobachter zurückbleibt, der über die Leichtigkeit der Arbeit aus dem Staunen nicht mehr herauskommt.

Wer „fährt da Rad“, wer „atmet“? Wer lässt die Blüten der Blumen sprießen, wer lässt das Herz schlagen, wer hält die Planeten auf seinen Bahnen?

Diese Instanz, nach der ich hier mit einem „wer“ frage, ist überall vorhanden – vom Molekül, über Galaxien, bis hin zu komplexen biologischen Systemen.

Nein, „ich“ bin es nicht, der „Rad fährt“. Auch bin „ich“ nicht der, der das Herz schlagen lässt und „ich“ bin nicht der, der atmet.

„ES“ tut alles das und der unbeteiligte Beobachter ist „ES“, das sich bei seinem Tun selbst erfährt.

Eine meditative Erfahrung ist die Erfahrung von Göttlichkeit und sie ist das Gewöhnlichste und zugleich Machtvollste, was erfahren werden kann.

Das Herz denken lassen

Gedanken, die sich immer wieder aufdrängen und manchmal sogar bis in den Schlaf folgen, sind richtige Quälgeister!

Warum sollte man da nicht auch einmal das Herz als Entscheidungshilfe heranziehen?!

Durch die Beanspruchungen des Alltags bei der Arbeit und im Privatleben, ist man immerzu mit äußeren Dingen beschäftigt und verliert den Kontakt zu sich selbst. Der Kopf arbeitet auf Hochtouren, aber mit ihm stellen sich auch Zweifel ein und man kommt oft zu keinem befriedigendem Ergebnis.

Da ist es gut, wenn man zur Ruhe kommen kann und den Kontakt zu sich selbst wieder findet.

Eine kleine Übung:

Lenke deine Aufmerksamkeit auf deinen inneren Körper. Betrachte und fühle dich von innen und beobachte die Energien, die in dir kursieren. Man kann dabei sehr schön in sich selbst umherwandern – von oben nach unten und wieder zurück. Wichtig ist, an aufkommenden Gedanken nicht hängen zu bleiben. Sie haben jetzt keine Wichtigkeit.

Eine anfängliche, innere Unruhe, legt sich im Laufe der Betrachtung. Dann richte deine Aufmerksamkeit auf dein Herz! Spüre die Energien, die dort sind. Beobachte sie, ohne darüber zu urteilen.

Dann lasse einen Gedanken, der dich sehr beschäftigt, vom Kopf hinunter zu deinem Herzen sinken und warte einfach ab!

Möglicherweise wird es dich überraschen, was dein Herz dir antwortet. Sehr oft wird es dir raten, abzuwarten und zur Ruhe zu kommen, einfach erst einmal genau hier und nur jetzt zu sein. Wenn Tränen kommen wollen, dann lasse sie kommen. Sie werden dich leichter machen.

Das Herz wird in dir viel Vertrauen aufkommen lassen und du wirst es vielleicht genießen können, einen Schritt nach dem anderen zu tun und dabei viel Ruhe finden.

Wie innen so außen?

Die Antwort auf diese Frage, ob das Innere dem Äußeren entspricht, dürfte keine Zweifel aufwerfen. Oder doch?

Vergleicht man beispielsweise die Organisation menschlicher Gesellschaften mit der Struktur eines menschlichen Körpers, findet man bereits ein Indiz für die Entsprechung von Innen und Außen.

Die Menschen einer Volksgemeinschaft entsprechen den Zellen des Körpers. Die Organe des Körpers sind spezialisierte Zellverbände, die spezialisierten Firmen oder Organisationen entsprechen. Die Zellen des Gehirns sind die Zentrale, die einer Regierung entspricht.

In einem gesunden Körper kennt und erfüllt jede Zelle ihre Aufgabe. Sie tut es zum Wohle der Zellgemeinschaft und letztlich dadurch auch für sich selbst, weil ihr eigenes Überleben und ihre Entwicklung von der Gesundheit der Gemeinschaft abhängt.

Sowohl in Gesellschaften, als auch in der Zellgemeinschaft eines Körpers, gibt es Individuen, die vom Prinzip der Kooperation abweichen und eigene Systeme bilden. Sie profitieren dabei von der Kraft der gesunden Mitglieder, werden immer stärker und größer und schwächen die Gemeinschaft und bringen sie sogar zu Tode.

Befällt es den Körper, nennt man es Krebs. Befällt es eine Gesellschaft, nennt man es vielleicht Korruption, Dekadenz, Profitsucht, Machtgier oder anders.

Noch offensichtlicher ist die Entsprechung, wenn man die Organisation eines Ameisenstaates betrachtet. Er funktioniert praktisch wie ein einziger Körper.

Vielleicht könnte man einer Körperzelle die Frage stellen, was sie unter „Selbstverwirklichung“ versteht oder was sie unter Glück versteht. Ich vermute nicht, dass eine (egoistische) Krebszelle glücklich ist. Glückliche Zellen leben und arbeiten für einen gesunden und glücklichen Körper, weil sie sich als „der Körper“ verstehen.

Vielleicht würde eine Zelle antworten: „Alle  Zellen mögen glücklich sein!“

Als Mensch würde man sagen: „Alle Wesen mögen glücklich sein!“ und „mit meinem Blick auf eine gesunde und glückliche Gemeinschaft der Wesen, entsteht als bedingungslose Begleiterscheinung mein eigenes Glück.“

Ego, ein Angst-Junkie

Darüber, dass es ein „Ego“ als Subjekt oder Wesen tatsächlich gar nicht gibt, sind sich die meisten im Klaren. Trotzdem übt es bisweilen tyrannische Macht über Menschen aus und das, obwohl es doch lediglich ein Sammelsurium aus Erinnerungen, Gewohnheiten und Glaubenssätzen ist, mit denen man sich identifiziert. Die Identifikation ist dabei wohl so etwas wie ein Katalysator. Ohne Identifikation wären Erinnerungen, Gewohnheiten und Glaubenssätze schlicht und einfach als Gedanken vorhanden und würden nicht die Form eines eigenständigen Subjektes oder Wesens annehmen, das als „Ich“ nach der Macht greift und Dummheiten begeht.

Da die Grundeigenschaft des „Ego“ Angst ist, bemächtigt es sich der eigenen Gedanken, die sich dann wiederum mit der Angst beschäftigen. „Ego“ beschäftigt sich also mit sich selbst. Angst bekommt viele Kinder. Da ist die Gier, der Neid, der Hass und natürlich die Angst vor dem Alleinsein und vor dem Tod.

Alles unternimmt das „Ego“ um seine Ängste im Zaum zu halten und zu betäuben. Es versucht, sich vieler Dinge und anderer Menschen zu bemächtigen. Im Besitz vieler Dinge und mit der Kontrolle über Menschen fühlt sich „Ego“ größer und sicherer und das Festhalten daran gibt ihm das Gefühl, dadurch nicht in einem Meer aus Einsamkeit und Bedeutungslosigkeit unter zu gehen. Es vermittelt einen Hauch Ewigkeit. Das Groteske am Ego ist, dass es genau diese Angst, die es zu betäuben versucht, braucht, um zu überleben.

„Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.“, soll Jesus gesagt haben.

Mit dem „Reichen“ wird er denjenigen gemeint haben, der Reichtum, Besitz  und Macht zur Betäubung seiner (Lebens-)Angst benötigt. Mit dem „Reich Gottes“ wird er Glück und letztendliche Erfüllung gemeint haben, die nur ohne Angst zu erreichen sind.

Körperlichkeit als Ausdruck des „Sein“

Dass es das „Ich“ nur als Vorstellung gibt, weiß mittlerweile jeder. Eine Vorstellung ist eine Gedankenform. Wenn das „Ich“ Identifikationen mit Gedanken und Vorstellungen erzeugt, dann beginnt sich die Welt aufzusplittern und „Ich“ illusioniert sich als abgetrenntes Fragment. Das „Ich“ fühlt sich bedroht, fühlt sich allein und unvollständig und ist auf der Suche nach Frieden und Ganzheit.

Die „Ich“-Vorstellung ist ein überaus dichtes Gedankennetz, das alle Bereiche des Lebens durchzieht. „Ich“ identifiziert sich mit allem was es besitzt: Mit seinem Körper, seinen Gedanken, Erfahrungen, mit seinen Emotionen, mit seinem eigenen Wert und seinen dinglichen Habseligkeiten.

Warum konnte die „Ich“-Vorstellung überhaupt entstehen? Ganz zweifellos ist es ein Schachzug der Evolution, um den Fortbestand und die Weiterentwicklung des Körperlichen zu gewährleisten. Gäbe es keine Identifikation mit dem Körperlichen und würde „Ich“ sich nicht als etwas Besonderes empfinden, gäbe es keine Notwendigkeit, auf das Körperliche zu achten und es erhalten zu wollen. Die Evolution strebt nach der Perfektionierung der genetischen Informationen. Evolution allerdings ist lediglich eine Kraft, die ausschließlich auf das Körperliche bezogen ist.

Körperlichkeit ist das Fest oder das Ritual, in denen sich das „Sein“ zum Ausdruck bringt und Evolution kreiert die Ausstattung.

Ein Ritual, das nur noch aus Gewohnheit begangen wird, ist eine leere Handlung. Es ist wie Beten, weil Sonntag ist oder wie Weihnachten, weil der 24. Dezember jedes Jahr auf dem Kalender daran erinnert.

Körperlichkeit ohne die Bedeutung des „Sein“ ist eine Abfolge von Gewohnheiten. Es ist mechanisch, inhaltslos und kalt.

Bewusst-Sein gibt dem Fest der Körperlichkeit einen Inhalt. Nicht das Fest als Handlung ist von Bedeutung, sondern die festliche Stimmung, die zu festlicher Handlung führt.

Körperlichkeit als Ausdrucksform des „Sein“ ist spielerisch, freudvoll und ohne Verkrampfung oder Angst.

Gerät das „Sein“ in Vergessenheit, bleibt die sinnentleerte Hülse des Körpers übrig und folgt nur noch dem evolutionären Überlebenskampf der Dinge und Körper untereinander.

Jiddu Krishnamurti, ein Auszug aus einem öffentlichen Vortrag

Jiddu Krishnamurti hielt zu Beginn der 1980er-Jahre in Saanen (Schweiz) eine Reihe von Vorträgen, die sich thematisch der Entwicklung des Bewusstseins und der Ergründung menschlichen Leids widmeten. Jiddu Krishnamurti ist einer von vielen Lehrern, die sich dieser Themen annahmen, aber er ist einer von sehr wenigen, die es in dieser bemerkenswert klaren Weise taten.

Bestechend sind Krishnamurti’s Eindringlichkeit und Präzision des Ausdrucks, die es selbst nach 30 Jahren noch vermögen, solche ausgiebig besprochenen Themen weiter zu vertiefen oder Grundlegendes erst einmal verstehen zu lassen.

Gerade in unserer aktuellen Zeit des sehr rasanten Wandels und Umbruchs, ist besonders dieser Vortrag ein eindringlicher Aufruf an die Menschheit, sich der gewohnten Denk- und Verhaltensmuster endgültig, absolut schonungslos und tiefgründigst bewusst zu werden.

Der nachfolgende Text ist die Mitschrift eines 75 Minuten langen Vortragsvideos.

Diesen Artikel als PDF-Datei herunterladen:  KrishnamurtiPublic3-1980.pdf

Die Menschheit folgt seit Jahrtausenden dem selben Muster

Wir haben festgestellt, dass der Mensch seit Jahrtausenden in dauerndem Kampf und Konflikt lebt. Dies nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit seiner Umwelt und mit seinem nahen oder entfernten Nachbarn. Diesem Vorbild folgen wir seit Jahrhunderten.

Wenn man das Geschehen in der Welt beobachtet, denkt man, dass es eine Antwort geben müsste, dass es einen Ausweg geben müsste, dass es eine weltumfassende Denkungsart geben müsste, wo wir nicht nur als Gruppe oder Individuen denken, sondern an der ganzen Menschheit interessiert sind. Die Menschheit, das sind Sie und ich. Wir unterscheiden uns nicht von der Menschheit in Indien, China, Russland oder sonst wo. Wir machen alle denselben Kampf durch, haben die gleichen Ängste, dieselben Konflikte, wir leiden alle unter demselben Elend.

Wir müssen versuchen, die Ursache zu entdecken. Und wir müssen herausfinden, nachdem wir die Ursache gefunden haben, ob der Geist dann fähig ist, diese Ursache aufzulösen und damit ein anderes Handeln bewirken.

Die Frage nach der eigenen Bindung an Vorstellungen

Wenn Sie dieses Problem ganz unpersönlich betrachten können, ohne einen Standpunkt einzunehmen, ohne an einen besonderen Glauben, an eine Person oder an ein Dogma gebunden zu sein, dann wird es vielleicht möglich sein, wirklich daran zu arbeiten.

Die Frage lautet: Wie kommt es, dass die Menschen, die schon so lange Zeit leben, das gleiche Verhaltensmuster immerzu fortsetzen? Vielleicht tun sie das in einer etwas anderen Form, vielleicht sind sie besser informiert, was sie befähigt, bestimmten Herausforderungen zu begegnen. Aber im Grunde ist der Mensch das, was er seit Jahrtausenden war.

Aber wir sagen, die eigentliche Ursache könnte darin liegen, dass jeder Mensch etwas zu werden versucht. Dies nicht nur in der materiellen Welt, sondern auch im psychologischen Bereich, wo er mit großer Anstrengung versucht, etwas zu sein oder etwas zu werden.

Sie können das bejahen oder verneinen, dass dies die eigentliche Ursache ist. Auf jeden Fall sollte man sich sehr ernsthaft damit auseinandersetzen. Nicht nur im Austausch von Meinungen und Ideen, die sich gegenüberstehen. Vielleicht kann man auch über das Wort an sich hinausgelangen und handeln.

Ideen und Ideale begründen unsere Verhaltensmuster

Versucht nicht ein Jeder von uns auf die eine oder andere Weise, anders zu sein, als er ist? Versucht man nicht etwas zu erreichen, etwas zu werden, etwas zu ändern?

Wenn man sich darüber einig ist, dass hierhin die Ursache für das große Elend in der Welt liegt, aus der so viel Verwirrung erwächst, dann kann man über das Problem nachdenken.

Unsere Beobachtungen zeigen uns, dass unsere Handlungen auf Ideen gründen. Ideen sind wichtiger, als die Handlung selber.

Ideen und Ideale sind der Hintergrund, von dem aus wir handeln. Ob diese Ideen nun persönlicher Art sind oder in Jahrhunderten entwickelt wurden, einschließlich jener Ideen, die von organisierten Religionen sanktioniert werden, immer leben und bewegen wir uns innerhalb von Ideen.

Ideen können Symbole sein, sie können Erinnerungen sein, Erfahrungen und Schlussfolgerungen. Ideen schaffen Werte. Es sind Werte, die befriedigend sind, die wünschenswert, gewinnbringend oder bedeutungsvoll sind.

Nachdem wir diese Werte, die auf Ideen gründen, geschaffen haben, handeln wir gemäß dieser Wertvorstellungen. Diese Werte werden durch das Denken hervorgebracht. Unser Handeln basiert also auf Wertvorstellungen. Diese Werte werden durch die andauernde Anpassung an die Umstände, an den Charakter, an die Bedürfnisse und an die sozialen Umweltbedingungen geschaffen. Unsere Handlungen gründen also auf Wertvorstellungen, die das Ergebnis des Denkens sind.

Wir engen und schränken unseren Geist ein

Es muss klar werden, dass ein Geist, der Wertvorstellungen hat, sehr eingeengt ist, denn diese Werte werden vom Denken, von Bedürfnissen, geschaffen. Deshalb ist Handeln immer eingeschränkt. Wenn man sich das genau anschaut, dann erkennt man, dass das ganze Leben Handlung ist. Sprechen, Gehen, Denken, wissensgemäß handeln, Verantwortung, Freundschaft, unser ganzes Dasein ist Handlung. Gleichgültig, ob die Handlung von Werten gelenkt wird oder aus Erfahrung oder aus den Sanktionen der Gesellschaft, der Kultur oder der Religion stammen. Das ist das Muster unserer Existenz.

Jeder Mensch schafft sich seine eigenen Werte, was für ihn wichtig ist, was unwichtig ist, was wertvoll ist und was nicht, was wohltuend und wünschenswert ist.

Gibt es rechtes, korrektes und freies Handeln?

Die Frage ist, gibt es eine Handlung, die nicht auf Wertvorstellungen beruht?

Unsere Handlungen gründen immer wieder auf alten Erinnerungen und Werten oder gegenwärtigen Werten oder zukünftigen Idealen. Es ist das, was sein sollte, das, was war und das, was ist.

So wird unser Tun zu einer andauernden, fortlaufenden Bewegung. Es ist eine Bewegung aus der Vergangenheit in die Gegenwart, die sich modifiziert und so in die Zukunft fortsetzt.

Unsere Handlungen gründen immer auf der Vergangenheit. Es gibt keine spontane Handlung. Jeder redet heute von mehr oder weniger spontaner Handlung. Aber diese spontane Handlung gibt es gar nicht. Im Wesentlichen gründet alles auf alten Erinnerungen, vergangenen Werten, die sich laufend verändern, aber im Wesentlichen in der Vergangenheit wurzeln. Deshalb gibt es keine spontane Handlung.

So fragt man, was ist rechte Handlung? Es ist Handlung, die nicht vergangenheits- oder wertbezogen ist, weil das die Handlung einschränkt. Die Vergangenheit und die Werte entspringen dem Denken, welches das Ergebnis des erlenten Wissens ist.

Es ist sehr wichtig, herauszufinden, ob es Freiheit im Handeln gibt.

Heutzutage meint man, man habe Freiheit zur Handlung, weil man tun kann, was man will. Das ist die vorherrschende Mode. Jeder tut, was er will ohne den Vater oder die Regierung im Rücken zu haben. Diese Freiheit führt mehr oder weniger zu diesem augenblicklichen Chaos, wo jeder genau das tut, was er mag. Deshalb muss man selber entdecken, was rechtes Tun ist.

Ein Tun, das nicht auf Konzepten beruht, nicht auf Idealen, nicht auf Wertvorstellungen beruht. Dies ist nicht etwas, mit dem man sich einmal beschäftigt und dann wieder vergisst. Es berührt das tägliche Leben und ist deshalb eine sehr ernste Angelegenheit.

Es ist eine sehr ernste Frage: Gibt es eine Handlungsweise, die nicht auf dem Marxismus, nicht auf dem Christentum oder auf irgendwelchen anderen menschlichen Wertvorstellungen gründet, die das Ergebnis des Denkens sind?

Handlung aus innerer Bindung an Ideale, Dogmen und Wertvorstellungen wird immer korrupt

Gibt es eine Handlungsweise, die unter allen Umständen richtig ist? Man muss also herausfinden, was richtig ist. Man kann antworten, was ein Anderer sagt, ist recht. Oder man kann einen bestimmten Glauben haben, demgemäß man handeln wird und das wird als recht angesehen. Oder man hat Erfahrungen, welche die Handlungsweise beeinflussen und deshalb als korrekt angesehen werden. Aber wir weisen daraufhin, dass solches Handeln auf Vorurteilen gründet.

Ein Vorurteil hat etwas mit Idealen gemeinsam. Vorurteile prägen das Denken. Egal, ob diese Vorurteile durch die Kultur entstanden sind oder durch die Religion angenommen wurden, solche Handlungsweise gründet im Wesentlichen auf Wertvorstellungen.

Man kann fragen: Gibt es eine Handlung, die auf nichts dergleichen gründet?

Solche Handlung wäre Freiheit.

Alles Andere wäre bedingt und abhängig. Daher wird alles Handeln entstellt und korrupt.

Natürlich ist mein Handeln dann das Produkt meines Glaubens und die eigene Handlung wird entsprechend eingeengt und korrupt sein.

Das Wort korrupt kommt vom lateinischen rompere und bedeutet brechen, zerstückeln, fragmentieren. Das ist die Grundbedeutung des Wortes korrupt.

Unser Handeln ist dann also immer korrupt und niemals ganz.

Um entdecken zu können, was rechtes Handeln ist, muss man wirklich frei von allen Wertvorstellungen sein.

Was ist rechtes oder korrektes Handeln? Das Wort korrekt bedeutet präzise, wirklich, tatsächlich, unverzerrt und daher gleichbleibend.

Rechte Handlung bedeutet eine Handlung, die gleichbleibend ist, unter keinen Umständen abweicht, genau ist und nicht auf irgendeiner romantischen oder sentimentalen Vorstellung gründet. Gibt es eine solche Handlung?

Handeln, das nicht auf einem Prinzip basiert, nicht auf einem Ideal beruht und auch nicht das Ergebnis persönlicher oder anerzogener Werte ist. Sonst ist es korruptes Handeln.

Ein Geist, der an eine Idee gebunden ist, an ein Konzept, an eine Wertvorstellung oder an eine Person, macht Handlung immer korrupt.

Wenn man an eine Person gebunden ist, wird diese Bindung die eigene Handlungsweise ganz offensichtlich bestimmen. Wenn man an einen Glauben gebunden ist, wird die eigene Handlungsweise glaubensgemäß und daher korrupt sein. Wenn man nach seinem eigenen Erfahrungswissen handelt, wird die Begrenztheit des Wissens die Handlung immer korrupt sein lassen.

Beobachtung anstatt Analyse

Und jetzt fragen wir, gibt es eine Handlung, die nicht korrumpiert werden kann? Wir sagen, ja, die gibt es!

Diese Handlung tritt ins Dasein, wenn man die Konsequenzen seiner Wertvorstellungen beobachtet und nicht analysiert, wenn man beobachtet, wie diese Wertvorstellungen entstehen. Man kann beobachten, dass Handlungen unvermeidlich zerstörerisch und korrupt werden, wenn sie aus der Bindung an eine Person, an ein Konzept oder an eine Idee entspringen.

Durch Beobachtung und nicht durch Analyse, können diese Bindungen aufhören.

Inneres Gebundensein erzeugt Konflikt

Angenommen, man ist an ein Symbol gebunden. Es kann ein übernommenes sein oder ein eigenes , das man sich aus mythologischem Wissen geschaffen hat. Solch ein Symbol wird durch das Denken erschaffen. Man ist dann an ein solches Symbol gebunden und handelt demgemäß.

Das Ergebnis ist ein Konflikt – nicht nur im Verhältnis zum Symbol oder zum Glauben -, sondern auch im Verhältnis zu meinem täglichen Handeln. Man beobachtet es, man erkennt es als eine Tatsache.

Können wir die Tatsache erkennen, dass, solange man an irgendetwas gebunden ist, an eine Person, an einen Glauben, an ein Konzept, an eine Idee, an das eigene Wissen und die eigene Erfahrung, dann das Ergebnis solcher Handlungsweise unumstößlich Konflikt nach sich ziehen wird?

Beispielhaft anders ausgedrückt: Angenommen, jemand ist Jude. Er hält an dieser Vorstellung fest. Angenommen, ein anderer ist Araber oder Mohammedaner. Dann haben diese Beiden Krieg. Das ist ziemlich einfach zu beobachten.

Wenn  man aber tiefer geht und ins Innere geht und sich aus verschiedenen Gründen an eine Person anklammert, dann bringt gerade diese Bindung viel Konflikt, Angst und Hass mit sich. Kann ich diese Tatsache beobachten, ohne sie zu analysieren?

Beobachtung ist Enthüllung dessen, was vor sich geht

Es soll gleich erläutert werden, was unter Beobachtung zu verstehen ist. Ist es möglich, sich zu beobachten, ohne dass es da irgendeine Verzerrung gibt? Kann man beobachten, ohne verändern zu wollen, was man sieht und ohne den Versuch zu unternehmen, das Gesehene wegrationalisieren zu wollen oder es überwinden oder unterdrücken zu wollen? Kann man, wie in einem Spiegel, nur das beobachten, was man wirklich sieht? Ist man in der Lage, seine Reaktion, die beispielsweise aggressiv sein kann, beobachten? Kann man seine Aggressivität und deren Ursachen beobachten, ohne zu analysieren? Kann man das ohne Rechtfertigung, Entschuldigung oder Verleugnung beobachten? Es dürfte recht schwierig sein, denn wir sind zur Analyse erzogen worden. Wir erwarten, durch die Analyse die Ursache zu entdecken und zu überwinden. Man muss aber sagen, dass der analytische Prozess den Geist nicht von der Ursache befreien wird. Wenn man nur beobachtet, ohne emotionale Reaktion, wenn man es also genauso sieht, wie es ist, dann lässt man die Tatsachen sprechen und nicht umgekehrt. Wir beschäftigen uns immer damit, was man mit der Tatsache tun sollte. Man beschäftigt sich damit, wie es sein sollte, wie es nicht sein sollte, und dass man sich näher damit befassen sollte. Wir gestatten den Tatsachen niemals, sich selber zu enthüllen.

Beobachtung ist die Enthüllung dessen, was vor sich geht.

Die meisten Menschen sind an eine Person gebunden. Sie sind an den Partner gebunden, an die Kinder, an den Priester oder den Guru, an ein Meditationssystem oder irgendetwas dergleichen. Ist man fähig, diese Bindung zu beobachten? Wenn man die Bindung beobachtet, kommt sofort die Reaktion, die fragt, was denn schlecht an der Bindung ist. Die Konsequenzen der Bindung sind Angst und damit Hass und Eifersucht und damit Mangel an Liebe.

Beobachter und Beobachtetes sind identisch

Wenn man sorgfältig beobachtet, ohne zu entstellen, was man sieht, dann ist diese Beobachtung der Akt der Intelligenz.

Man kommt dabei an einen Punkt, der sehr wichtig ist:  Es gibt ein Handeln, das unter allen Umständen korrekt ist. Wenn man die Tatsache des wirklichen Geschehens ohne jegliche Verzerrung beobachtet, sollte man sich folgende Frage stellen: Ist die Tatsache dessen, was tatsächlich als Bindung geschieht und die Konsequenzen dieser Bindung denn so, dass das Beobachtete etwas Anderes ist, als der Beobachter? Wenn man zornig ist, dann gibt es in dem Moment des Zorns keinen Unterschied zwischen dem Beobachteten und dem Beobachter. Erst eine Sekunde später kommt es zur Spaltung. Es kommt der Gedanke, wütend gewesen zu sein. Man erkennt das Gefühl des Zorns, weil man es früher schon hatte. So entsteht die Spaltung in dem Moment, in dem sich der Beobachter von dem trennt, was er beobachtet. Wenn man das erkennen kann, wird man allen Konflikt ausschließen können, denn der Konflikt besteht zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten.

Unterscheidet sich eine Bindung an eine Person von mir selbst? Oder bin ich selbst die Bindung?

Tatsächlich findet man schnell Ausflüchte, weil man sich dieser Tatsache nicht gerne stellen möchte. Denn wo es Bindung gibt, egal ob an ein Problem, ein Ideal, eine Idee, eine Organisation, eine Person, ein Dogma oder ein Ritual, da muss es Korruption geben. Korruption bedeutet Angst und Angst zieht Hass, Konflikt, Eifersucht und Antagonismus nach sich. All das sind Ausdrucksformen von Korruption und nicht der Akt der Liebe. Dabei ist es ein Unterschied, ob man diese Tatsache wirklich und nicht analytisch erkennt. Wenn man es erkennt, ist dann der Erkennende etwas Anderes, als das, was er erkennt? Wo Spaltung ist, da muss Konflikt sein. Das ist ein Gesetz. Wo Teilung existiert, da ist Konflikt zwangsläufig.

Das Denkmuster der Trennung und Spaltung ist der entscheidende Punkt

Seit jeher leben wir mit dieser Norm, mit diesem Muster, dass der Denker sich vom Gedachten unterscheidet. Deshalb versucht der Denker andauernd, die Gedanken zu beherrschen. Aber der Denker ist das Gedachte! Wenn man also seine Bindungen beobachtet, sei es an eine Person oder an ein Möbelstück, dann stellt sich die Frage, ob die so gebundene Person etwas Anderes ist, als die Bindung selbst. Sobald es keine Spaltung und daher keinen Konflikt gibt, endet der ganze Vorgang des Verhaftetseins.

Es ist ultimativ wichtig, zu erkennen, an was man gebunden ist. Wenn da etwas ist, dann ist es wichtig, das zu beobachten. Wenn einem dieses Verhaftetsein gefällt und einem auch alle Konsequenzen des Verhaftetseins gefallen, dann ist das völlig in Ordnung. Niemand wird einen daran hindern. Wenn man aber erkennen will, ob es eine Handlung gibt, die nicht korrupt ist und die unter allen Umständen recht ist, dann muss man frei sein von allen Wertvorstellungen und von jeglicher Bindung. Wenn man das Verhaftetsein beobachtet, dann ist es Intelligenz, die den ganzen Vorgang beobachtet. Es ist nicht Analyse. Wo also Intelligenz ist, da gibt es auch rechtes Handeln. Intelligenz ist nicht Wissen und sie ist auch keine gespeicherte Information. Wo es Einsicht gibt in dieses Verhaftetsein, da ist diese Einsicht selbst die Intelligenz und aus dieser Intelligenz selbst entsteht richtiges Handeln.

Der Mensch lebt sein Millionen von Jahren mit der Korruption und all seine Handlungen sind seither korrupt, sie haben Chaos und Konflikte gebracht und seine Handlungen gründen alle auf Idealen, Konzepten und Wertvorstellungen, die alle das Produkt der Gedanken sind.

Einsicht ist der Augenblick des vollständigen Erfassens dessen, was ist

Es gibt keinen göttlichen oder absoluten Wert, obgleich die Priester das behaupten mögen. Wenn sie es sagen, so ist es die Aktivität ihres eigenen Denkens.

Es gibt ein Handeln, das vollkommen heil, unbestechlich und ganz ist. Dies gilt für das tägliche Leben. Diese besagte Intelligenz wird aus Einsicht geboren. Beispielsweise durch Einsicht in Bindung. Einsicht bedeutet, den Gesamtvorgang des Verhaftetseins sofort zu erfassen. Jeder wird irgendwann einmal eine Einsicht gehabt haben.

Einsicht ist keine Erinnerung, sie ist nicht der Vorgang der Bewertung oder der Schlussfolgerung, sondern sie ist vielmehr ein Augenblick des vollständigen Erfassens dessen, was Sie im Ganzen sehen. Das ist die Essenz und das Wesen der Intelligenz. Diese Intelligenz gehört weder Ihnen, noch gehört sie mir. Deshalb handelt diese Intelligenz immer korrekt.

Versuchen Sie, das zu erkennen. Egal, wo Sie sind, beobachten Sie sich, wie sie sich Ihrem Partner, Ihren Kindern, der Politik, der Religion gegenüber verhalten. Können Sie das Ganze ohne Analyse erfassen? Können Sie alle Konsequenzen und die Ursache dieser Bindungen erfassen? Genau das beinhaltet Freiheit von der Zeit.

Warum denken wir in zeitlichen Mustern?

Das Gehirn ist das Ergebnis von Zeit. Niemand wird das bestreiten. Es hat sich im Laufe von Jahrmillionen von der primitivsten zur höchstkomplexen Zelle entwickelt. Das hat Zeit gebraucht und das bedeutet Evolution.

Das Gehirn funktioniert innerhalb der Schablone von Zeit. Das Gehirn arbeitet nach diesem zeitlichen Vorbild: Gestern, Heute und Morgen. Die Sonnenaufgänge und die Sonnenuntergänge. „Ich werde sein, ich hoffe zu sein, ich will werden.“ Das ist die Bewegung der Zeit. „Ich freue mich, dich morgen zu sehen.“, das ist Zeit. Hoffnung zu haben, bedeutet Zeit. Das Gehirn arbeitet nach dem zeitlichen Vorbild, denn so ist es auch entstanden. Seit Millionen von Jahren leben wir nach diesem zeitlichen Vorbild. Es gibt nicht nur die physische Zeit – Gestern, Heute, Morgen -, sondern auch die innere, psychologische Zeit. Wir sprechen dabei von der inneren Zeit des Geistes und des Gehirns. Das Gehirn, das Teil des Geistigen ist, handelt und denkt in den Begriffen der Zeit und wir leben seit Millionen von Jahren nach diesem Vorbild und wir führen es weiter fort. Wir leben nach diesem Muster. Wenn die Zeit nicht endet, wird das Muster immer und immer wieder wiederholt werden.

Zur Verdeutlichung: Man benötigt Zeit, um etwas zu werden. Wenn  man ein guter Chemiker werden will, braucht man Zeit. Man braucht Zeit, um eine Sprache zu erlernen, man braucht Zeit, um ein guter Autofahrer zu werden. Man braucht Zeit, um Wissen und Fertigkeiten zu erwerben. Dasselbe Muster wird im Psychologischen angewandt. Man braucht Zeit, um selbstlos zu werden, man braucht Zeit, um gut zu werden.

Wenn man sagt: „Ich brauche Zeit, um selbstlos zu werden.“, dann ist gerade genau das die Essenz der Selbstbezogenheit. So arbeitet unser Gehirn immer im Zeitlichen und die Zeit ist seine Bewegung. Von hier nach dort, räumlich gesehen. Aber Zeit ist auch, etwas zu werden, psychologisch betrachtet und somit ist es auch eine Bewegung.

„Ich bin nicht gut, aber ich werde gut werden.“, das ist eine Bewegung von dem, was ist, zu dem, was sein sollte. Das Denken ist auch eine Bewegung. Zeit ist Denken. Nach diesem Muster leben wir seit jeher und dieses Muster hat den Menschen nicht gewandelt in all dieser Zeit.

Auch Denken ist eine Bewegung

Gibt es nun eine Möglichkeit, mit diesem Muster der Zeit zu brechen? Wir behaupten: Es gibt eine Möglichkeit.

Die Analyse ist Teil des Denkens und daher ein Vorgang in der Zeit. Sobald man Einsicht in das Wesen der Analyse erhält, ist es das Ende der Analyse. Einsicht gehört nicht der Zeit an.

Wenn ich Einsicht in mein Verlangen und meine Wünsche habe und in den ganzen Vorgang des Verlangens, dann kann das einerseits den Vorgang des Verlangens analysieren und untersuchen und dann zu einem Schluss kommen, oder aber, man kann den ganzen Vorgang des Verlangens beobachten. Dann ist gerade diese Beobachtung eine Einsicht und die gehört nicht der Zeit an.

Man kann es auch anders ausdrücken: Sie sind an das Eine oder an das Andere gebunden. Können Sie damit sofort Schluss machen? Wenn Sie es augenblicklich tun, ist dies das Ende der Zeit. Wenn Sie aber sagen, dass Sie sich damit befassen werden, dass Sie es analysieren werden und sehen wollen, ob es richtig oder falsch ist, dann wiederholen Sie das alte Muster.

Es ist von so großer Bedeutung, dass die Zeit aufhört, weil das die wahre Freiheit von dem ist, was gewesen ist.

Die Menschheit hat seit jeher gefragt, ob Zeit enden kann. Zeit muss enden.

Wir meinen, die Zeit endet durch irgendeine Meditation. Die Menschen haben viel darüber gesprochen. Vielleicht nicht so viel im Westen, aber sehr viel im Osten. Man sagt dort, die Zeit endet, wenn die Gedanken beherrscht werden, denn Denken ist ein zeitlicher Vorgang. Denken ist Zeit. Aber wir sagen, Zeit kann enden, wenn man unverzerrt beobachtet. Wenn man beobachtet, was tatsächlich vor sich geht, nämlich die momentanen Reaktionen min einem selbst, wie Reaktion auf Bindung, warum man gebunden ist und wenn man augenblicklich erkennt, was die Konsequenz der Bindung ist. Wenn man das alles sofort und im Ganzen erkennt, hört die Zeit auf.

Wenn man sagt, dass man es herausfinden will, ob man an etwas gebunden ist, dann wird man herausfinden, dass man gebunden ist. Und die Konsequenzen sehen: Angst, Hass, Besorgnis, Eifersucht und alle möglichen Formen von Konflikt.

Wenn Sie sagen, Sie haben sich daran gewöhnt und es macht Ihnen nichts aus, dann leben Sie eben in dauerndem Konflikt, was der gewöhnliche Mensch eben tut.

Wenn Sie diesen Konflikt beenden wollen, dann können Sie das nur sofort tun. Sie können das erreichen, indem Sie es ohne jegliche Verzerrung und Störung anschauen.

Schau dir einfach zu!

Meditation ist nichts weiter als Aufmerksamkeit für das, was gerade jetzt  geschieht.

Egal wo man ist und was man tut, der innere Beobachter ist der stillste,  aufmerksamste und liebevollste Teil des Selbst. Er nimmt einfach wahr. Er lässt sich nicht von Gedanken oder Gefühlen aufhalten oder binden, sondern geht tiefer und tiefer. Er ist immer gleichmütig mit der Stille verbunden und beobachtet alles Treiben, als seien es Wolken,  die vorüberziehen. Er nimmt es an mit offenen Händen, ohne Angst und ohne Abwehr. Er liebt.

Der innere Beobachter weiß, dass er nicht seine Gedanken ist. Er weiß auch, dass er nicht die Handlungen und Gewohnheiten des Körpers ist.

Große Dankbarkeit und Ehrfurcht bei der Beobachtung des Körpers  kommen auf! So Vieles erledigt er selbständig. Gelehrig ist er und weise durch das Wissen und die Erfahrungen Tausender von Generationen vor ihm! Schon alleine den wiederkehrenden Mustern und Reaktionen des Körpers aufmerksam zu folgen, ist ein Schauspiel ohne Gleichen.

Bleibt das Bewusstsein beharrlich in der Stille, wird der Automatismus des alltäglichen Tuns offensichtlich und der Anteil des Tuns aus freiem Willen erscheint verschwindend gering!

In der Meditation werden Automatismen bewusst und mit der Zeit verschwinden sehr viele davon, weil sie überflüssig sind. Das Leben beruhigt sich.

In der Meditation entwickeln sich innere und äußere Ruhe und Dankbarkeit und Staunen kehren zurück.

Schau dir einfach zu! Mehr ist nicht nötig.

Die Kinder der Stille

Wenn innere Stille für Momente bewusst wird, gelingt es fast immer, für eben diese Momente die Kinder der Stille kennen zu lernen:

Ein unerwarteter Frieden breitet sich aus. Bedingungslose Freude wird spürbar und eine weiche, liebevolle Stimmung kommt auf.

In diesen Momenten ist der Verstand nicht aktiv und deshalb sind Momente der Stille frei von Angst, Urteil und Zweifel.

Aus der Stille, die gleichbedeutend mit der Erfahrung des allerinnersten Selbst ist, steigt eine Intelligenz auf, die nicht die des Verstandes ist. Es ist die Intelligenz des Herzens.

Innere Meditationsräume

Wer mit Meditation beginnt oder daran gewöhnt ist, einen festen Platz für seine Meditationsübungen zu haben, dem wird es wahrscheinlich zunächst schwer fallen, Meditation in seinen Alltag einzuladen.

Im Alltag meditativ zu sein bedeutet, möglichst viele Tätigkeiten während des Tages, in bedingungsloser Wachsamkeit und absoluter Präsenz im Augenblick auszuführen.

Mir gelingt das bisher immer nur für kurze Phasen und bei Tätigkeiten, die nicht viel Nachdenken und Planen erfordern: Abspülen, Zähneputzen, Gehen, Warten, Aufräumen, Putzen, Blumen gießen und weitere ähnliche Tätigkeiten.

Es macht wenig Sinn, eine durchgehende Meditationsphase über mehere Tätigkeiten zu erwarten. Besser ist es – nach eigener Erfahrung – für passende Tätigkeiten jeweils zeitweilige innere Meditationsräume zu schaffen. Das können wenige Minuten des Abspülens sein, ein oder zwei Handgriffe beim Aufräumen, ein ganz kurzer Augenblick des Wartens. Danach darf die Übung beendet sein.

Entscheidend ist für jede dieser Phasen, ist eine kurze Vorbereitung in Form einer Affirmation:

„Ich bin. Jetzt. Es existiert nichts als dieser Augenblick. Die ganze Welt besteht nur aus diesem kurzen Augenblick. Es existiert nichts als das, was ich jetzt tue.“

In diesem Sinne kann man es für sich formulieren.

Innerer Meditationsraum bedeutet also, sich auf eine kurze Phase der Meditation einzustimmen.

Meine eigene Erfahrung dabei ist, dass Geräusche angenehmer werden, Dinge und Lebewesen liebevoller und andächtiger behandelt werden, Liebe aufkommt, Formen interessanter werden und neue Details entdeckt werden und sich eine unbeschreiblich schöne innere Ruhe ausbreitet.